Berufsehre

Am Wochenende hat der SPIEGEL mal wieder versucht, einen Skandal zu produzieren, wie mittlerweile üblich auf die billige Tour:  Statt selbst zu recherchieren, bastelte man aus Passagen des nächste Woche erscheinenden Buchs „Vermächtnis – die Kohl-Protokolle“ von Heribert Schwan und Tilman Jens eine Titelgeschichte, in der Kohl zitiert wird, wie er ausführlich Parteifreunde und Gegner bepöbelt.

Entstanden ist das Buch aus Tonbandmitschnitten, die Heribert Schwan anfertigte, als er von Helmut Kohl engagiert war, um dessen – nie vollendete – Memoiren zu schreiben. Ein Autor, der die Biographie eines anderen Menschen schreiben soll – egal, ob das ein ehemaliger Bundeskanzler oder ein ehemaliger Klempner ist – muss vertraulich mit ihm zusammenzuarbeiten. Vertraulich heißt in diesem Zusammenhang: Der Mensch, dessen Geschichte der Autor aufschreibt, muss darauf vertrauen können, dass der Autor ihn nicht bloßstellt. Dass er die Dinge für sich behält, die der Auftraggeber nicht öffentlich machen möchte. Und dass er das Vertrauen des Auftraggebers auch dann nicht missbraucht, wenn das Arbeitsverhältnis beendet wurde, egal ob im Guten oder im Schlechten. Das ist eine ganz simple, selbstverständliche Tatsache, die etwas mit Ehre zu tun hat. Mit der persönlichen und mit der Berufsehre.

Auf die haben die Herren Schwan und Jens offenkundig gepfiffen. Und m. E. einzig und allein mit dem Motiv, sich die Taschen zu füllen, denn irgendein zeitgeschichtliches Interesse an diesen „Enthüllungen“ existiert nun wirklich nicht. Wer die 80er und 90er Jahre nicht unter irgendeinem Stein liegend verbracht hat, muss wissen, dass Helmut Kohl sich schon immer für den einzigen intelligenten Menschen auf Gottes weiter Welt hielt und – wie übrigens andere Kanzler vor und nach ihm ebenfalls – in mehr oder weniger vertrauter Runde gern verächtlich über Freund und Feind herzog. Das kann man – wie ich – herzlich unsympathisch finden, aber Anlass für eine Neu- oder Umbewertung der Zeitgeschichte war und ist Kohls verlogenes Gepöbel ebensowenig wie es für einen Skandal taugt. Es ist schlichtweg kalter Kaffee, den Schwan, Jens und der SPIEGEL ihren Lesern als brühheißen Espresso anzudienen versuchen.