Die Revolution dauert etwas länger

Gestern hat die Meldung die Runde gemacht, dass der E-Book-Markt hierzulande stagniert bzw. nur sehr, sehr langsam wächst. Letztlich ist das nicht weiter verwunderlich. Die wichtigsten Gründe:

  • Die E-Book-Preise
    Nach wie vor sind die E-Books aus klassischen Verlagshäusern hoffnungslos überteuert. Als Beispiel mag „Montecristo“ dienen, das neue Buch von Martin Suter, das aus dem Stand die Bestsellerlisten dominiert. Die gebundene Ausgabe kostet 23,90, das E-Book aktuell 21,99. Ja, um Himmelswillen, wer erwirbt denn zu diesem Preis eine Leselizenz (mehr ist ein E-Book ja letztlich nicht), wenn er für knapp zwei Euro mehr ein Buch bekommt, dass er nach dem Lesen an Freunde oder Verwandte weiterreichen oder gebraucht für ca 17 Euro weiterverkaufen kann?
    Der große Umsatz wird nunmal mit den Bestsellern gemacht, solange sich da an den Preisen nichts ändert, wird Print dominieren.
  • Die Preise der E-Book-Reader
    Auch wenn es einfache Reader schon für ca. 60 Euro zu haben sind, für einen Massenerfolg ist das immer noch viel zu viel. Der Gelegenheits-Leser, der sich alle paar Wochen mal ein Taschenbuch holt, sagt sich vollkommen zu recht: „Für das Geld kann ich mir doch locker sieben Bücher kaufen!“ Und da die Bücher, die die meisten Leute lesen werden, als E-Books eben nicht deutlich preiswerter sind, bleibt der E-Bookreader erst mal ein Nischenprodukt bzw. ein Luxusgegenstand.
  • Das Geschenk-Problem
    Bücher sind DAS klassische Geschenk. Bloß: Wie verschenke ich ein E-Book? Da bleibt nur der Weg über den Gutschein, und der hat kein sooo gutes Image. Gutschein riecht nach „Last Minute“, „Keine Zeit“, „Beinahe vergessen“ und wirkt fantasielos. Das ist m. E. nicht der Fall, aber Gutscheine werden nun mal nicht so gerne verschenkt wie Bücher.
  • Buchhandel und Verlage
    Buchhändler und Verlage betrachten E-Books immer noch eher als Bedrohung statt als Chance, ein Geschäft zu machen. Solange diese Mentalität sich vor Ort nicht grundlegend ändert, werden Verlage und Buchhändler weiterhin Print bevorzugen und pushen. Und da der Buchhandel – allem Wehklagen über den Online-Handel zum Trotz – nach wie vor die bevorzugte Anlaufstelle der Deutschen beim Bücherkauf ist, wird sich in naher Zukunft nicht viel an der jetzigen Situation ändern.

In spätestens 5 Jahren wird die Situation vollkommen anders sein, da bin ich mir sehr sicher. Und solange Verlage und Buchhandel nicht umdenken haben vor allen Dingen Self-Publisher ausgezeichnete Chancen, sich auf dem E-Book-Markt zu etablieren und – relativ unbedrängt von der Marketing-Macht der Branchen-Dinosaurier – gutes Geld zu verdienen.

Es ist ein Mentalitätsproblem

Viele Buchhändler bekommen ein wehmütiges Glimmen in den Augen, wenn Sie an die alten Zeiten denken. Früher, bevor es dieses Scheiß-Internet gab, als man noch der monopolistische Hüter des Verzeichnis lieferbarer Bücher war, der Kunde froh sein konnte, wenn man ihm sein Wunschbuch überhaupt bestellte und ihn nicht mit einem „GippsnichistaufabsehbareZeitnichlieferbaaar!“ abschmetterte, kurz: diesen wunderbaren Zeiten ohne Drecks-Online-Händler, als der Weg zum Buch ausschließlich über einen selber führte, heissahoppsa, war das schön!

Doch diese Zeiten sind vorbei, und die Tatsache, dass gewisse Online-Dienstleister beim Bücherverkauf mittlerweile erfolgreicher sind als stationäre Buchhändler, liegt nicht daran, dass die Bücher im Internet irgendwie billiger wären (stimmt nämlich nicht) oder schneller geliefert würden (stimmt nämlich auch nicht), sondern daran, dass diese Online-Dienstleister ihre Kunden auf Augenhöhe begegnen und sie höflich und zuvorkommend behandeln.

Dass das unter Buchhändlern immer noch nicht selbstverständlich ist, sieht man mehr als deutlich – natürlich – beim Börsenblatt, das ein Buchhändler-Tagebuch zu Logistikproblemen mit dem Großhandel veröffentlichte, in dem es unter anderem

In den Zeiten der generellen, zuverlässigen und vollständigen Übernachtbelieferung durch KNV, war es sowas von selbstverständlich geworden, dass man um siebzehn Uhr noch bestellte und um acht am nächsten Tag die Ware in den Händen hielt. Sie waren sowas von verwöhnt die Kunden, waren sowas von daran gewöhnt, den Puderzucker rektal verabreicht zu bekommen, dass sie diese großartige Leistung, die ja wohl nur noch die Apotheken zustande bringen, als vollkommen normal ansahen.

heißt. Und es geht munter weiter…

Zumindest einigen Kommentatoren ist aufgefallen, dass ein solches Kundenbild durchaus diskutabel ist. Ironie hin, unangebrachter professioneller Zynismus her, erstaunlich, dass Buchhändler sich öffentlich so über ihre Kundschaft äußern. Erstaunlich, dass das Börsenblatt dass so veröffentlicht. Anscheinend findet man diese Haltung ganz okay.

Nuja, immerhin liefert man die Erklärung, warum im Weihnachtsgeschäft der Buchhandel bis zum 4. Advent unter Vorjahr abschnitt, und ein Online-Dienstleister (trotz Streik!) 20 Prozent zulegte. Es ist ein Mentalitätsproblem.

 

Sie wissen nicht, dass sie nicht wissen, was sie tun

In den meisten Branchen sind Neuerungen und Komplett-Erneuerungen nichts neues sondern Alltag. Der Inhaber eines Grafik-Studios in New York sagte mir einmal: „You know, Chris, every twenty years, someone changes the whole ballgame.“ Alle zwanzig Jahre wurden für diesen Mann also die Grundregeln seines Geschäfts geändert. Und er beklagte sich nicht, er begriff das grundsätzlich als Chance: Denn wenn die Regeln des Geschäfts geändert werden, dann kann man auch der erste sein, der nach den neuen Regeln spielt, kann neue Kunden gewinnen, alten Kunden beim Übergang behilflich sein, sich selbst ein paar Innovationen einfallen lassen… das war für diesen Mann geschäftlicher Alltag.

Für deutsche Verlage und Buchhändler ist es, um Frau Merkels mittlerweile berüchtigtes Wort aufzugreifen, komplettes Neuland. Die Digitalisierung, der sie sich nunmehr stellen müssen, empfinden sie als Bedrohung, E-Books, die eigentlich eine große Möglichkeit für Autoren, Verlage und Buchhändler sind, mehr und zahlreiche Leser auf neuen und preiswerten (!) Wegen zu erreichen, werden mit größter Sekpsis betrachtet und gern als „neumodischer Kram, der sich nicht durchsetzen wird“ belächelt. Und sie tun alles, um ihre Kunden beim gedruckten Buch zu halten. Was sich besonders an den E-Book-Preisen der klassischen Verlage ablesen lässt.

Am letzten Samstag ist „Grimmbart“ erschienen, der neue Kommissar-Kluftinger-Roman von  Klüpfel und Kobr. Ich bin süchtiger Klufti-Fan, ich kaufe das neue Buch immer am Erscheinungstag und lese es im Höchstgeschwindigkeitstempo durch 1.

Auch diesmal wieder musste ich es als gedrucktes Hardcover kaufen. Ja, MUSSTE. Ich hätte es viel lieber als E-Book gelesen. Das Handling einer Schwarte mit mehr als 500-Seiten ist auf einem Reader doch deutlich angenehmer (und das Gewicht ist auch viel geringer), die Möglichkeit, die Schriftgröße beliebig zu skalieren, ist für einen Profi-Fehlsichtigen wie mich ein reiner Segen, es gab nur ein Argument für die sperrige Printausgabe: den Preis. Print 19,99 Euro, E-Book 17,99 Euro.

Mich haben Sie doch nicht mit dem Klammerbeutel gepudert, dass ich soviel Geld für ein E-Book zahle. Für ein E-Book, das ich nicht verleihen kann wie ein gedrucktes Buch. Das ich nicht verkaufen kann wie ein gedrucktes Buch. Das ich nicht verschenken kann, wie ein gedrucktes Buch.

„Sehen Sie, das gedruckte Buch ist eben doch besser!“ rufen mir die Digital-Deppen der Verlage und des Börsenvereins jetzt zu, und ich kann nur dern Kopf schütteln. Natürlich ist weder das gedruckte noch das digitale Buch „besser“ der Inhalt ist ja der gleiche. „Eben“, argumentieren die Digital-Deppen dann gern weiter, deshalb MUSS das E-Book ja beinahe genausoviel kosten wie die Printvariante.

Dass sich tatsächlich Menschen mit einem derartigen Unfug an die Öffentlichkeit wagen, macht deutlich, dass sie ihre Endkunden, die Leser, für dumm halten. Ein E-Book ist deutlich preiswerter herzustellen als das gedruckte Buch, es muss kein Seitenumbruch gemacht werden, es gibt viel weniger typographische Fallstricke zu bewältigen, es muss kein komplettes Cover sondern nur ein Titelbild entworfen werden… das (einfach gestaltete) E-book ist quasi ein Abfall-Produkt des klassischen Buchsatzes. Aus vielen DTP-Programmen heraus kann man direkt eine E-Book-Datei schreiben, oder man benutzt das freie Tool „Calibre“ zur Umwandlung. Mehrkosten: keine.

Ebenso entfallen sämtliche Vertriebskosten für ein E-Book. es ist ja nur eine Datei, die sich die Händler (auch der Zwischenhandel macht beim E-Book keinen Sinn und damit keine Kosten mehr) problemlos herunterladen und in ihre Portale einbinden können. Bzw. die Leser direkt beim Verlag herunterladen können und damit dessen Marge nochmal vergrößern.

Bleiben Autor und Lektorat, und hier setzt endgültig der Zynismus einer von Neuerungen überforderten Verlagsbranche ein, wenn sie behaupten, dass das Kostenfaktoren wären, die Mondpreise für E-Books rechtfertigen. Die meisten Verlage haben schon vor zwanzig Jahren begonnen, ihre Lektoratsabteilungen brutal zusammenzustreichen. Viele Lektoren, die früher als Verlagsangestellte bezahlt wurden, erledigen die gleiche Arbeit jetzt für weniger Geld als Selbständige, wenn überhaupt noch lektoriert wird. Vor allem in der Unterhaltungsliteratur beschränken sich „Lektorate“ mittlerweile auf die halbautomatische Rechtschreibprüfung.

Und die Unbescheidenheit deutscher Autoren ist ja bekannt. 5% beim Taschenbuch, 10% beim Hardcover sind die Tantiemen, die Verlage ihren Autoren im Print zahlen, und an den horrenden Forderungen, die Menschen, die sich auf solche Print-Preise einlassen, für E-Books fordern, wird die ganze Branche zugrunde gehen.

Nein, die meisten E-Books deutscher Verlage sind schlichtweg viel zu teuer. Würde man die Preise realistischer und für die Kunden akzeptabel gestalten, könnte man ja deutlich mehr Umsatz und damit mehr Gewinn machen. Nein, das ist bei den E-Books keine Milchmädchenrechnung, es erhöhen sich ja die Kosten nicht!  Warum also diese idiotische Preisgestaltung? Einige wollen vielleicht die überfällige Digitalisierung noch ein wenig hinausschieben und die Leser auf diese Weise beim Print-Buch halten. Andere wollen vielleicht noch mal einen letzten (kleinen) Reibach machen, bevor bei ihnen die Lichter ausgehen. Die meisten, fürchte ich, wissen gar nicht, dass sie gerade fürchterlich viel falsch machen. Die sind so ahnungslos, die wissen tatsächlich nicht, dass sie nicht wissen, was sie tun.

Heute (Mittwoch, 24.9.) Abend um 22 Uhr 15 läuft im rbb das Wirtschaftsmagazin „was!“ mit einem Beitrag über E-Book-Preise. Für den wurde auch ich interviewt. Ich habe in etwa das erzählt, was ich jetzt in diesem Posting geschrieben habe.

 

  1. Was bei „Grimmbart“ besonders leicht fiel, einer der besten Romane der Serie, der Culture-Clash zwischen dem Allgäu und Japan ist zum Schreien komisch. Den Herren Klüpfel und Kobr ist hoffentlich klar, dass sie früher oder später den ganzen Weg gehen und „Kluftinger in Japan“ liefern müssen!

Der Kunde hat Bittsteller zu sein und zu bleiben…

Beim Börsenverein hauen sie sich mal wieder auf die Schultern: Krachenden Sieg über amazon errungen, noch dazu vor Gericht, haben wir’s den Fatzkes gezeigt, wer Herr im deutschen Bücherhaus ist. Buchpreisbindung unterlaufen? Nicht mit uns! Sogar Spiegel Online berichtet drüber!

Was hat amazon gemacht? Willkürlich eine Wagenladung neuer Folletts runtergepreist und für zwofuffzich über den virtuellen Grabbeltisch geschoben? Die Preise für alle Bücher von Verlagen angehoben, die ihre E-Books nicht nach Bezos‘ Vorstellungen bepreisen?

Nein, beim Buchreport schildern sie den Vorfall arglos und offen:

Hintergrund: Der Börsenverein hatte Klage gegen den Online-Händler eingereicht, weil Amazon einen Nachlass auf ein preisgebundenes Buch gewährt hatte. Der Käufer wollte den betreffenden Titel ursprünglich gebraucht auf dem Amazon Marketplace erwerben, weil aber die Verkäuferin nicht bereit gewesen sei, für das Buch eine Rechnung auszustellen, habe der Kundenservice ein verlagsneues Buch zum Preis des gebrauchten Buches verkauft, rekapituliert der Verband. Amazon habe argumentiert, es habe sich um einen Ausnahmefall gehandelt, die betroffene Mitarbeiterin im Kundenservice sei zum Abschluss von Verträgen gar nicht bevollmächtigt gewesen, zudem sei der Sachverhalt verjährt.

In jedem Seminar zum Thema Kundenzufriedenheit wäre der amazon-Service als absolut vorbildlich gelobt worden: Man nimmt sich eines Problems an, das man gar nicht selbst verschuldet hat, und löst es auf eine für den Kunden zufriedenstellende Weise. Der Börsenverein sieht nur den (möglicherweise unabsichtlichen) Verstoß gegen die Buchpreisbindung und prozessiert über mehrere Instanzen, um amazon zu einer Unterlassungserklärung zu zwingen.

Die das Unternehmen vermutlich mittlerweile gern abgegeben hat. Denn hier zeigt sich exemplarisch, welches Unternehmen sich um die Zufriedenheit seiner Kunden bemüht, und wer rechthaberisch auf Formalien pocht, die die eigene Kundschaft nur schwerlich nachvollziehen kann.

Buchhändler waren hunderte Jahre lang Monopolisten, an denen kein Weg vorbeiführte, wenn man ein bestimmtes Buch kaufen wollte. In dieser langen Zeit haben sich viele (natürlich nicht alle, aber wirklich sehr viele) Buchhändler angewöhnt, die Kunden wie Bittsteller zu behandeln, die froh sein können, wenn sie das Buch bekommen, das sie haben wollen. Erstaunlicherweise ist diese Attitüde noch vielerorts anzutreffen. Der mündige Buchkäufer wird sich seinen Reim drauf machen.

Wir brauchen die Quote

Gesprächsthema Nr. 1 in den Kreisen der Hoch-Literatur – wenn man mal vom rituellen täglichen amazon-Bashing absieht – ist die Longlist zum Deutschen Buchpreis. Die besten fehlen (wie jedes Jahr), zu kommerziell, zu abgehoben, zu wasweißich. Dana Buchzik schreibt in der „Welt„, dass nur 5 Frauen aber 15 Männer auf der Longlist stehen, wittert Sexismus und fordert einen Buchbranchen-#aufschrei sowie eine Frauenquote für die Longlist.

Nuja. Vielleicht gucken wir erstmal die Liste der Preisträger des bisher neunmal vergebenen Buchpreises an, und sehen, dass er bisher sechsmal an Frauen und dreimal an Männer vergeben wurde. Soso.

Mein Vorschlag: Nächstes Jahr Longlist-Quote 10:10, gerne auch mit Marlene Streeruwitz und Judith Hermann, aber nur unter der Bedingung, dass Tommy Jaud den Hauptpreis abräumt. Deal?

 

 

Nicht geschenkt…

Foto: tm-md unter CC-BY 2.0

Foto: tm-md unter CC-BY 2.0

Wer wissen will, wie Buchhändler über ihre Kunden, die Lesern, denken, dem sei das Ergebnis dieser Umfrage ans Herz gelegt: Der Börsenverein hatte Buchhändler gefragt, welche „Giveaways“ bei ihren Kunden am Besten ankommen, und die Buchhändler haben brav geantwortet: Ihrer Ansicht nach bevorzugen die meisten Kunden „gute Kugelschreiber“, gefolgt von „tollen Tüten“, „praktischen Kühlschrankmagneten“ und „hübschen Parkscheiben“.

Tja. Dass muss man erst mal sacken lassen. Warum zum Henker kommen weder Börsenverein noch Buchhändler darauf, ihren Kunden einfach mal ein Buch zu schenken? Ganz einfach: Weil sie’s noch nie gemacht haben. Als ich mir vor drei Jahren meinen ersten Kindle zulegte, war ich regelrecht schockiert, als ich eine Mail erhielt, in der amazon ankündigte, über die Weihnachtsfeier E-Books zu verschenken. War mir in meiner bald 50jährigen Karriere als Buchhandelskunde (ich hab früh angefangen) tatsächlich noch nie vorgekommen, dass ein Buchhändler ein Buch verschenkt.

Obwohl es doch eigentlich logisch wäre. Wegen Büchern kommen die Leute zum Buchhändler, also könnte man ihnen doch einfach ein bisschen von dem geben, was sie gern hätten. Was die eigene Kernkompetenz ausmacht. Ein Produkt, dass man auch später noch sofort mit dem Händler in Verbindung bringt, der es einem überreicht hat.

Noch immer tut man sich im Buchhandel schwer, die eigenen Kunden tatsächlich als Menschen zu begreifen, um die man sich bemühen muss. Die man mit ihren Wünschen und Bedürfnissen ernst zu nehmen hat. Früher, da hatte man das Monopol auf die Ware Buch, jetzt hat der Leser dank Internet und E-Books die Wahl zwischen zahlreichen Anbietern. Eigentlich wäre ein Buch als Giveaway ja eine schöne Gelegenheit, sich als Händler zu positionieren, der weiß, was seine Kunden wollen. Der freundlich auf sie zugeht.

Bin ich der einzige, der sich bei Kugelschreibern und farbenfrohen Plastiktüten an gewisse schlitzohrige Pilgerväter erinnert, die den Ureinwohnern Nordamerikas Manhattan für ein paar wertlose Glasperlen abschwindelten?

Was das abgesagte Prince-Konzert mit den E-Book-Preisen zu tun hat

Foto: Micahmedia at en.wikipedia [CC-BY-SA-3.0-2.5-2.0-1.0], via Wikimedia Commons

Foto: Micahmedia at en.wikipedia [CC-BY-SA-3.0-2.5-2.0-1.0], via Wikimedia Commons

Wer mal eine richtig „schöne“ Geschichte lesen will, wie jemand, der seine Kunden wie die Zitronen auspressen will un sich dabei selbst ins Knie schießt, klickt hier: Da steht die Geschichte vom abgesagten Prince-Konzert in Berlin, von einem Veranstalter, der zunächst versucht hat, Ticketpreise durchzusetzen, die nicht von dieser Welt waren. Als er merkte, dass das nicht funktioniert, hat er preiswertere Tickets angeboten, damit die loyalen Fans verprellt, die sich schon teure Tickets verkauft haben, aber der Verkauf hat immer noch nicht angezogen, bis das Konzert schließlich abgesagt wurde. Steht alles ausführlich hinterm Link oben.

Was das mit diesem Blog und seinem Thema „Schreiben und Veröffentlichen“ zu tun hat? Sehr viel, denn derzeit feiert sich die deutsche Buchbranche selbst dafür, dass der E-Book-Markt hierzulande nicht so schnell wächst, wie er es in den USA getan hat. Da hauen sie sich selber auf die Schultern, brüllen „Hammwasnichjesacht, Papier bleibt doch Papier!“ und freuen sich. Wie die kleinen Kinder.

Ein verantwortungsbewusster Verleger oder Buchhändler würde sich jedoch die eigentlich naheliegende Frage stellen: „Warum zum Teufel verkaufen die Amerikaner so viel mehr E-Books als wir? Was machen die besser?“

Die Antwort ist simpel: Weil sehr, sehr viele deutsche Verlage sich benehmen wie die Ticketanbeiter für das Prince-Konzert und für ihre E-Books Mondpreise aufrufen, die ein Leser, der seine 5 Sinne beisammen hat, nicht bezahlen möchte. Nehmen wir als Beispiel Roger Willemsens (übrigens sehr lesenswerten) Bestseller: „Das Hohe Haus“. Die Hardcover-Ausgabe ist für 19,99 Euro zu haben, als E-Book ruft Fischer vollfette 17,99 Euro auf, das ist sogar teurer als das Hörbuch.

Menschen, die einen E-Book-Reader haben, können sich entscheiden, ob sie das Buch auf dem Reader oder auf Papier lesen wollen, und natürlich entscheiden sie sich in solch einem Fall für das Papier-Buch. Das können Sie, wenn sie’s ausgelesen haben, verleihen, verschenken, bei ebay verkaufen… kurz, da ist eine Mehrfachnutzung möglich, die die zwei Euro mehr als wett macht.

„Ja, wärst du mal beim Papierbuch geblieben, anstatt das Geld für einen E-Book-Reader rauszuschmeißen!“, ruft mir jetzt der deutsche Verleger zu. Und sollte sich stattdessen ernste Sorgen machen, denn viele kleine Verlager, die im stationären Geschäft meist keine Chance gegen die Branchenriesen haben und viele Indie-Autoren erobern sich gerade im Windschatten dieser Wucherpreise ein großes Lesepublikum.

Ich jedenfalls habe im Bereich (Ent-)Spannungsliteratur viele hochklassige Autoren entdeckt, die mich mit professionell geschriebenen und umgesetzten E-Books bestens unterhalten und die für ihre Bücher Preise aufrufen, die ich als fair empfinde (meistens zwischen 4 und 6 Euro) und gern bezahle.

Und da diese Bücher meistens direkt über amazons Kindle-Store bezogen werden (und deren Printausgaben im stationären Buchhandel meist nicht zu haben sind, der Buchhandel mag sogenannte „Amazon-Autoren“ nicht, ein Kapitel für sich!) tauchen sie auch in der Statistik nicht auf, über die sich deutsche Verleger und Buchhändler so sehr freuen. Täten sie es, gäbe es sehr wahrscheinlich überhaupt keinen Grund zur Freude mehr.

Wie ging die Prince-Geschichte weiter? Prince hat zwei Ersatzkonzerte in London gegeben, zu denen die Tickets zu akzeptablen Preisen (um die 100 Euro statt über 300 in Berlin) angeboten wurden. Die Konzerte waren in 5 Minuten ausverkauft. Darüber sollten die deutschen Verleger mal nachdenken. Was fair bepreiste E-Books angeht, liegt London um die Ecke.

 

Smart Move?

Hauptgeschäftsführer Skipis vom Börsenverein möchte Amazon beim Kartellamt wg. „Missbrauch der Marktmacht“ anschwärzen. Ich frage mich, ob das wirklich ein „smart move“ ist, zumal er ja selber fordert, dass das Kartellamt von sich aus Ermittlungen anstellen müsste.

Könnte ja sein, dass den Kartellbeamten auf diese Weise die deutschen Verlage ins Blickfeld geraten. Wirtschaftsunternehmen, die ihre Produkte verdächtig ähnlich bepreisen und ihre freien Mitarbeiter, die Autoren, exaktemang gleich bezahlen und ihnen z. T. wörtlich gleiche Verträge zur Unterschrift vorlegen.

Und dann müsste man ja noch erklären, warum derart anrüchig agierende Unternehmen unbedingt ihre Bücher über jemanden vertreiben wollen, den sie gerade selbst beim Kartellamt angezeigt haben. Ach je, wie ist die Welt kompliziert.

Die Sau namens Amazon

Was sich Amazon da mal wieder erlaubt, das ist ja unfassbar! Skandalös! Verbrecherisch! Erst weigern sie sich, die E-Books der Bonnier-Verlage mit 30 Prozent Marge zu verkaufen (Amazon will 40 bis 50 Prozent), und dann, als die Bonniers nicht klein beigeben, verkaufen sie die Print-Bücher aus der Bonnier-Backlist plötzlich nur noch mit langen Lieferzeiten. Das geht doch nicht! Jetzt ist das Maß voll, der Gesetzgeber muss einschreiten und Jeff Bezos‘ Kulturterrorismus ein Ende bereiten.

Wie immer, wenn die Buchbranche eine neue Sau aus dem Amazon-Stall durchs Dorf treibt, ist die ganze Angelegenheit maßlos übertrieben. Es handelt sich um einen simplen Konditionen-Streit, Amazon will einen größeren Rabatt haben als Bonnier gewähren will, das ist marktwirtschaftlicher Alltag, und bleibt das auch, selbst wenn die Streithähne sich härtere Bandagen um die Fäuste wickeln. 1

Amazon hat sich bisher zu der Sache nicht geäußert, also haben wir für die behauptete Erpressung durch die zu langen Lieferzeiten auch keine Bestätigung. Ich halte das für höchst unwahrscheinlich:  Amazon hat sich mittlerweile geäußert und den Konditionenstreit bestätigt, von „Erpressung“ zu sprechen, ist nach wie vor komplett übertrieben. Bücher sind keine Mitnahme-Artikel wie z.B. Kaugummis. Wenn da die eine Sorte an der Supermarktkasse ausgegangen ist, greife ich vielleicht zu einer anderen, aber wenn ich ein bestimmtes Buch lesen möchte, dann entscheide ich mich doch nicht für ein anderes, nur wenn ich ein paar Tage auf die Lieferung warten muss. Oder ist das Bonnier-Programm so beliebig und austauschbar, dass der Kunde sofort ohne Be- und Nachdenken zu einem anderen Buch aus dem Amazon-Sortiment greifen will? Kann ich gar nicht glauben.

Außerdem würde Amazon sich doch ins eigene Fleisch schneiden, wenn man Bücher irgendeines Verlages nicht oder verzögert liefert: Amazon und die Verlagswelt sind sich im Bestreben, möglichst schnell möglichst viele Bücher zu verkaufen, durchaus einig. Die Verlage und Buchhändler möchten es nur nicht hinnehmen, dass Amazon die Regeln der Branche geändert hat und ständig weiter ändert.

Liebe Verlage, ihr hättet es doch in der Hand: Es sind EURE Bücher. Hört einfach auf, sie Amazon zu geben. Zieht ein eigenes Buchportal hoch, auf dem ihr euer Gedrucktes und eure E-Books vertickt, dann seid ihr alle Probleme los. Ach, das wollt ihr nicht? Ihr wollt euer Zeugs unbedingt über amazon verticken? Weil die soviel davon verkaufen? Ach sooooo…

Ja, klar. In der Monopolisten-Ecke war’s schön und kuschelig. Als die Leute, die was zu lesen haben wollten, keine andere Möglichkeit hatten, als bei einem Buchhändler vorstellig zu werden und die jahrhundertealten Vertriebskanäle zu benutzen. Man musste nicht freundlich zum Kunden sein, man konnte ihm verbieten, mal vorab ins Buch reinzulesen, man konnte sich weigern, es zurückzunehmen usw.

Aber diese Zeit kommt nicht wieder, und der Online-Handel bringt auch das Buch als Kulturgut nicht in Gefahr, selbst wenn ihr hundertmal das Gegenteil behauptet. Ein Buch wird nicht erst dann zum Kulturgut, wenn ein Buchhändler es anfasst, dies nur zur Erinnerung.

Solange Verlage und Buchhändler jede, aber auch wirklich jede neue Sau durchs Dorf zu jagen, solange nur „Amazon“ drauf steht, solange merken sie nicht, dass es Amazon ist, das die Buchbranche vor sich herjagt. Amazon hat den Online-Versandhandel verändert und geprägt: Dort ist man freundlich zu den Kunden, bieten ihnen die Möglichkeit, Bücher (und andere Produkte) zu empfehlen und darüber zu diskutieren, man ist außergewöhnlich kulant, wenn ein Kunde mal unzufrieden ist und schließlich: es war Amazon, das die Bedeutung der Digitalisierung erkannt hat, als deutsche Verlage und Buchhändler E-Books noch als neumodischen Quatsch abgetan haben, der sich frühestens in zwanzig Jahren durchsetzt.

Kurz und knapp: Liebe Verleger und Buchhändler, hört auf, euch an Bezos abzuarbeiten. Fangt lieber an, euch endlich um eure Kunden, die Leser zu bemühen. Die habt ihr jahrzehntelang als notwendiges Übel behandelt, und der Erfolg von Amazon beruht nicht zuletzt darauf, dass sie das geändert haben.

Nachtrag 28.5.:
Amazon hat sich jetzt zu der Sache geäußert. Hier steht das Statement. In die Autor Joe Konrath kommentiert’s und hat noch ein paar interessante Links.

  1. Zur Erinnerung: Es ist noch gar nicht solange her, da rief die Verlagsbranche „the end of the world as we know it“ aus, weil die Buch-Großhändler ihre Margen erhöht haben…