Wer Visionen schreibt, sollte zum Arzt gehen

Vor einigen Wochen habe ich erklärt, warum Traumsequenzen für mich überflüssig und handwerklich schwach sind. Ich möchte dieses Urteil ergänzen und auf Visionen ausweiten.

Gerade habe ich den sehenswerten „Polizeiruf 110 – Morgengrauen“ gesehen. Ein Krimi war das allerdings nicht, eher eine Liebesgeschichte, die von zwei Schauspielern in Höchstform (Sandra Hüllen und – natürlich – mal wieder Matthias Brandt) anrührend, komisch und sehr, sehr subtil präsentiert wurde. Was einen gern über die arge Vorhersehbarkeit des Ganzen hinwegsehen ließ. Kurz vor Schluss haben allerdings Regie oder Drehbuch oder beide zusammen das TV-Vergnügen nachhaltig zerdeppert. Indem sie den Protagonisten eine vollkommen überflüssige Vision haben ließen, die erklärt, was er gerade fühlt.

Lieber Regisseur, lieber Kollege Autor: Erklärende Visionen sind – wenn das möglich ist – noch mehr Scheiße (sagt man („scheißer“?) als Traumsequenzen. Sie nehmen Schauspielern die Arbeit weg (deren Aufgabe ist es nämlich , den Subtext an den Zuschauer zu bringen), zeugen davon, dass man der eigenen Arbeit nicht traut („Man versteht es sonst nicht!“) und stoßen den Zuschauer vor den Kopf. Weil er genau merkt, dass Regie oder Drehbuch oder beide zusammen ihn für zu blöde halten, das zu kapieren, was ihm gerade erzählt wurde.

Helmut Schmidt hat einmal Politikern, die Visionen haben, geraten, zum Arzt zu gehen. Drehbuchautoren oder Regisseure oder beide zusammen, die Visionen in ihre Filme schreiben, sollten sich auf den obersten Grundsatz des Schreiberhandwerks erinnern: „Show, don’t tell! – Zeige es, erzähle nicht davon. “ Wer glaubt, Visionen zu benötigen, um seine Geschichte zu transportieren, hat kein Zutrauen zu ihr. Er sollte seine Geschichte zu überprüfen, statt Visionen zu schreiben.

Im Beispiel des erwähnten Polizeirufs war die Vision allerdings komplett überflüssig. Keine Ahnung, warum sie reingehauen wurde. Ich empfehle daher Menschen, die den Film verpasst haben, ihn unbedingt in irgendeiner Mediathek anzuschauen. Und Sekunden vor Schluss abzuschalten. Wenn Oberpriller und von Meuffels Fernsehen und die Show-Szene kommt. Wer haargenau jetzt abschaltet, versäumt nichts und hat eine schöne Liebesgeschichte gesehen. Für die es keine Visonen braucht.