Am letzten Sonntag hat Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff sich endgültig den schwiemelig am rechten Rand herumraunenden deutschen Schwerintellektuellen angeschlossen, und im Dresdner Staatsschauspiel eine Rede gehalten, die, sagen wir’s freundlich, so gar nicht im Geiste Büchners gewesen ist. Keine Ahnung, ob Frau Lewitscharoff vor ihrem Auftritt an einem vertikalen Grappa-Tasting teilgenommen oder noch mal schnell am Leimtütchen geschnüffelt hat, auf alle Fälle hat sie vor einem erstaunten Publikum u. a. ein Onanierverbot gefordert, Menschen, die ihre Existenz einer künstlichen Befruchtung verdanken, als „Halbwesen“ bezeichnet und lesbische Paare, die sich ihren Kinderwunsch durch eine Samenspende erfüllen, als „grotesk“. Ich erspare mir ausführlichere Zitate – ach nee, das hier ist so doll, das muss sein: „Mit Verlaub, angesichts dieser Entwicklungen kommen mir die Kopulationsheime, welche die Nationalsozialisten einst eingerichtet haben, um blonde Frauen mit dem Samen von blonden blauäugigen SS-Männern zu versorgen, fast wie harmlose Übungsspiele vor.“, auch wenn sie sich mit „Ich übertreibe, das ist klar, ich übertreibe“ halbherzig davon distanziert – der ganze ekelerregende Unsinn ist auf der Seite des Dresdner Theaters, bei Stefan Niggemeier und bei der taz ausführlich dokumentiert und kommentiert.
Dies sind aber zur Stunde alle Orte wo man etwas zur Rede von Frau Lewitscharoff lesen kann. Der Rest des deutschen Feuilletons, die gesamte deutsche Literaturkritik schweigt zu dem menschenverachtenden Unsinn, den die Dame vor vier Tagen abgelassen hat. Vor vier Tagen. Man erinnere sich: als die gleiche Frau Lewitscharoff vor ein paar Monaten blind und kenntnislos auf die Firma amazon eindrosch, wurde sie am nächsten Tag in praktisch jedem Kulturteil ausführlich zitiert. Warum schweigt man jetzt vier Tage lang verdrossen über ihre bahnbrechenden Erkenntnisse zur Fortpflanzungstheorie?
Oder soll das ein versuchtes Verschweigens sein? „Vielleicht kriegt’s ja keiner mit, und wenn die Leute es erst merken, wenn’s schon ein paar Wochen her ist, wird’s vielleicht nicht so schlimm“?
Tja, liebe Freunde in den Kulturredaktionen, so langsam müsst ihr euch mal äußern. Wird schwer, ich weiß. Aber ich bin gespannt, ob und wie ihr versucht, euer Lieblingskind, das sich selbst mit dem Bade ausgeschüttet hat, irgendwie zu retten. Wird sehr schwer. Aber die Zeit des Schweigens sollte vorbei sein.
