Ruhe! Ich lese!

„Readmill hat dicht gemacht“ melden lesen.net und die Branchenblätter. „Readmill? Was das?“ werden sicherlich die meisten fragen, denn wenn die meisten es wüssten, hätte Readmill wohl nicht dichtmachen müssen. Readmill war eine „Social-Reading-App“, also ein Progrämmchen, mit dem ich mich mit anderen Lesern austauschen konnte, während ich ein Buch las.

Ich glaube, in diesem Satz liegt die ganze Problematik, die diesen Social-Reading-Apps und -Diensten und -Portalen zueigen ist: Wenn ich ein Buch lese, dann möchte ich ein Buch lesen. Dann möchte ich mich nicht austauschen, keine Zensur für den letzten Absatz geben oder 3 Sternchen für die coole Kapitelüberschrift: ich möchte ungestört lesen.

Ja, Lesen ist ein Vergnügen, was man am Besten ungestört genießt, und da stört alles: Twitter, Facebook, Social-Reading-Apps, E-Mails. Wenn ein Buch besonders spannend ist, dann geh ich gelegentlich sogar nicht ans Telefon. Mit anderen Menschen austauschen, während ich lese… das möchte ich eigentlich nur, wenn das Buch, was ich gerade in den Fingern hab, mich langweilt oder ärgert, und zwar so sehr, dass ich nicht unmittelbar weiterlesen möchte.

Dieser ganze Social-Reading-Quark und genauso diese „Enhanced E-Books“ mit angeflanschten Lexika/Videos/Hörbeispielen gehen alle davon aus, dass das E-Book den Leser dazu bringt, seine Lesegewohnheiten zu ändern. Das tut es aber nicht. Ein Buch soll den Leser gefangen nehmen, egal ob es auf Papier oder elektrisch daher kommt, und zwar im Idealfall so sehr gefangen nehmen, dass man nicht gestört werden möchte.

Natürlich tauscht man sich als Power-Leser auch gern mit Gleichgesinnten aus, will wissen, ob sich der Kauf des neuen XYZ lohnt, oder ob der andere den neuen Dingenskirchen auch so grottig fand. Und ob man weiß, wann der neue geradwusstichdennamennoch rauskommt. Alles interessante Sachen, die man gerne diskutiert. Wenn man nicht gerade mit spannender Lektüre befasst ist.