Sherlock und die ungeteilte Aufmerksamkeit

Gestern Abend lief die letzte Folge der 3. Sherlock-Staffel, wie immer das reinste Vergnügen, vor allem, wenn man selber im geschichtenerzählerischen Fach tätig ist. Was und wie die Kollegen Moffat und Gatiss da erzählen, ist ebenso unterhaltsam wie wagemutig und… ja, fesselnd, extrem fesselnd.

Ich hab beim Fernsehen eigentlich immer ein Tablet zur Hand. Mal schnell was nachschlagen, wenn’s durchhängt kruz mal gucken, ob neue Mails reingekommen sind… was man so macht bei „üblichem“ Fernsehen. „Sherlock“ ist kein übliches Fernsehen. Bei allen 3 Folgen der letzten Staffel hab ich das Tablet spätestens nach einer Viertelstunde weggelegt, weil ich mich ganz auf die Folge konzentrieren wollte, ja MUSSTE. Wenn man nur ein paar Sekunden lang nicht aufpasste wie ein Schießhund von Baskerville, hatte man womöglich etwas wichtiges, verpasst. Die Autoren der Serie forderten die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums, und sie haben sie bekommen.

Kein deutscher TV-Redakteur oder Produzent hätte ein Unterfangen wie „Sherlock“ in Auftrag gegeben oder gar nur in Erwägung gezogen. Aus eben diesem Grund: Weil die Serie maximale Aufmerksamkeit erfordert. Weil sie mit der Intelligenz der Zuschauer rechnet und sie voraussetzt. Deutsche Redakteure und Produzenten halten ihr Publikum für dumm. Schlägt man ihnen etwas vor, dass die ungeteilte Aufmerksamkeit eines Publikums benötigt hört man, dass das nicht geht, weil es den Zuschauer „überfordert“. Mit anderen Worten: Von einer Selbstverständlichkeit, nämlich einem Publikum, dass gewillt ist, zuzuschauen, gehen deutsche TV-Entscheider nicht mehr aus.

Ein Wunder, dass Sherlock hierzulande überhaupt gesendet wurde.