„Wo kann sich ein zwei Meter großer Gorilla hinsetzen?“ – „Keine Ahnung.“ – „Na, wohin er will.“ Blöd, ich weiß. Aber ich find ihn schön blöd, deshalb erzähl ich diesen Witz gerne. Und er enthält ein Körnchen Wahrheit. Denn der Riesengorilla kann sich tatsächlich seinen Sitzplatz aussuchen. Solange kein größerer Mitbewerber im Raum ist.
Derzeit befindet sich ein zwei Meter großer Gorilla auf dem Weg nach Deutschland: Netflix, die Mutter aller Video-Streaming-Dienste, will in diesem Jahr deutschen Zuschauern den Zugang zu seinem Angebot unkompliziert ermöglichen. Für den Zuschauer ist das natürlich höchst angenehm, nicht nur, dass er sich auf den Zugang zum Netflix-Programm (House of Cards, Lilyhammer usw.) freuen kann, nein, die bisher hier den Streaming-Markt beherrschenden Unternehmen wie Watchever, Maxdome, und amazon (Prime Video/Lovefilm) und Sky Snap tun derzeit alles, um ihre Abonnentenbasis zu verbreitern, bevor Netflix sich den Sessel aussucht nimmt. Das bedeutet: fallende Streaming-Abo-Preise, verbreitertes Angebot usw.
Video-on-Demand ist auf alle Fälle ein Markt mit riesiger Zukunft. Laut einem Tagesspiegel-Artikel gibt es derzeit eine Million Streaming-Kunden in Deutschland, die Online-Videothekare sehen ein Pontenzial von 10 Millionen. Ich weiß nicht, ob die Zahlen korrekt sind, ich weiß nur, dass ich dieses Streaming-Zeugs seid über einem Jahr nutze und es ist superbequem, extrem preiswert, qualitativ ziemlich weit oben (ich streame über Tablet, via HDMI mit dem großen Fernseher verbunden, HD-Streams sehen richtig gut aus) und damit die Zukunft. Wer wird noch in eine Videothek oder zum Briefkasten gehen, um Discs auszuleihen oder zurückzubringen, wenn er das unkompliziert vom Fernsehsessel aus machen kann? Wenn ein Markt rasant wachsen wird, dann dieser.
Und das könnte zur großen Chance für Autoren, Produzenten, Regisseure usw. hierzulande werden. Sicher ist: Immer mehr Abonnenten müssen mit immer mehr Inhalten bei Laune gehalten werden. Netflix produziert schon länger, amazon ist ebenfalls eingestiegen, Watchever hat eine Serie angekündigt… irgendwann werden die Streaming-Anbieter genauso viel produzieren müssen wie die „klassischen“ Fernsehsender. Es könnte Arbeit auf einen zukommen. Möglicherweise viel Arbeit.
Wer also das eine oder andere Serienkonzept, Film-Ideen oder Doku-Themen in petto hat, sollte sich schon mal die Startlöcher graben. Vielleicht sucht der zwei Meter große Gorilla ja nicht nur nach einer Sitzgelegenheit. Eigentlich sollte Goldgräberstimmung in der Branche herrschen. Etwas seltsam, dass sie das nicht tut.
Nachtrag: Gerade eben lese ich bei Nikki Finke: Amazon wird die dritte Staffel der von der BBC eigentlich gecancelten Serie „Ripper Street“ produzieren, zuerst im Stream „versenden“ und dann läuft die Staffel auf BBC One. Ich glaube, der Strukturwandel wird schneller vor sich gehen als wir es jetzt noch für möglich halten.
