Kate, Spence und das N-Wort

Am Sonntagabend habe ich mir auf arte ein Wiedersehen mit einem Filmklassiker gegönnt, „Rat mal, wer zum Essen kommt„, mit Katherine Hepburn, Spencer Tracy (sein letzter Film!), Sidney Poitier und anderen, Regie Stanley Kramer, eine Dramedy zum Thema Rassendiskriminierung. Die Tochter eines (scheinbar) liberalen weißen Mannes will einen Schwarzen heiraten, und dann brechen sich doch die Vorurteile  – von beiden Seiten, auch der Mann, den Sidney Poitier spielt, hat einen Vater! – Bahn, bis Tracy alles in einem immer noch bewegenden Schluss-Monolog auflöst.

Natürlich ist der Film gealtert, aber viele Gags zünden immer noch und viele Gedanken, die das Oscar-prämierte Drehbuch damals als schnittfrisch aktuell präsentierte, hat man gerade gestern noch als durchaus heutig vernommen, den Film kann man immer noch ansehen!

Wenn man nicht gelegentlich zusammenzucken würde. Zum ersten Mal nach ein paar Minuten. Sie benutzen das N-Wort. Ja, alle Beteiligten (auch die mit dunkler Hautfarbe) benutzen des öfteren die Bezeichnung „Neger“ (im Englischen „negro“, wie man im Drehbuch des Films nachlesen kann). Als ob es das normalste der Welt wäre.

Was es damals ja auch war. In den überhitzten Debatten, die in den letzten Monaten u. a. über Pippi Langstrumpfs Vater oder die Puppe einer Autorin und Moderatorin geführt wurden, wurde sehr gern vergessen, dass „Neger“ oder „negro“ bis in die sechziger Jahr hinein eben kein Schimpfwort war, sondern die übliche Bezeichnung für einen Menschen mit dunkler Hautfarbe. Auch in den damaligen Kritiken zu „Rat mal…“ wurde dieses Wort zur Beschreibung der Filmhandlung benutzt, z. B. von Menschen wie Roger Ebert oder Bosley Crowther von der New York Times, die man nun wirklich nicht des Rassismus verdächtigen kann.

Ich (Jahrgang 56) erinnere „Neger“ auch noch als vollkommen normales Wort der Umgangssprache, das von den meisten Menschen ohne negative oder rassistische Bedeutung benutzt wurde. Erst Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre, als auch hierzulande die Themen der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung diskutiert wurden, sprach man nicht mehr von „Negern“ sondern von „Farbigen“ oder „Schwarzen“. Das war nichts besonderes, das ist nichts besonderes, denn es geschieht auch heute noch: Die Sprache ändert sich mit den Menschen, die sie sprechen.

Wenn damals jemand „Neger“ gesagt hat, war er nicht notwendigerweise ein Rassist. Wer damals oder heute dieses Wort hört oder gehört hat, wurde oder wird nicht automatisch zum Rassisten. Rassistisch sind nicht die Worte an sich, es ist die Intention, mit der sie benutzt werden.

Auch das Befremden ist wichtig, das wir heute empfinden, wenn wir in alten Büchern oder Filmen auf Wörter stoßen, die zur Entstehungszeit der Werke offenbar anders konnotiert waren als heute. Es lässt uns nachfragen, nachlesen, es weckt Neugier, zu erfahren, was sich seit damals verändert hat, und wie.

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