Weil sie es nicht müssen

Letzte Woche geisterte eine Studie über Produktdarstellung der Verlage im digitalen Handel durch die Buchbranche. Diese Studie kommt zu dem Ergebnis, dass einige bis viele Verlage sich ziemlich wenig Mühe bei der Online-Präsentation ihrer Bücher geben. Bei amazon, bei buchhandel.de, ja sogar auf der eigenen Webseite werden massenweise Chancen ausgelassen, die eigenen Produkte dem potenziellen Leser möglichst vorteilhaft zu präsentieren. Viele Verlage verhalten sich so, als wären Sie am kommerziellen Erfolg eines Großteils ihrer Bücher nicht interessiert.

Was sie (derzeit noch) tatsächlich nicht sind. Viele Verlage bringen jede Menge Bücher raus, deren kommerzieller Erfolg ihnen letztlich vollkommen mumpe ist. Sie freuen sich, wenn eins dieser Bücher sich gut verkauft, aber wenn es das nicht tut, ist es auch kein Beinbruch. Weil es die unwichtigen Bücher sind. Und viele Verlage legen ausschließlich Wert auf die wichtigen Bücher, die, die von den Stars geschrieben wurden, die schon einen oder mehr Bestseller geschrieben haben. Das sind die „wichtigen“ Lokomotiven, die vor den Verlagszug gespannt werden, um die „unwichtigen“ Bücher mitzuziehen.

Warum sollten sich also Verlage, die so denken und kalkulieren, also großartig Mühe mit den Online-Beschreibungen von Büchern geben, deren Erfolg oder Misserfolg ihnen relativ egal ist? Sie müssen sich ja tatsächlich nur um die Bücher kümmern, in die sie entsprechende Umsatzerwartungen gesetzt haben. Insofern hat das Ergebnis der Studie nur Menschen überrascht, die dieses branchenübliche Denken nicht kennen.

Viele Autoren denken, dass sie es geschafft haben, wenn sie einen Verlagsvertrag unterschrieben haben. Das ist leider meistens nicht der Fall. Mit dem Unterschreiben eines Verlagsvertrags fängt die Ochsentour überhaupt erst an.

 

 

Linktipp: Periodensystem

Wenn Sie sich in irgendeiner Form für Dramaturgie, Storytelling, Struktur, eben für die Muster interessieren, die hinter guten Geschichten stecken und jetzt gerade keine Zeit haben, dann klicken Sie auf keinen Fall auf diesen Link. Er wird sie Stunden Ihrer Zeit kosten.
Denn auf der Website hinter dem Klick hat James Harris ein schlichtweg geniales Periodensystem der Elemente des Geschichtenerzählens zusammengestellt, komplett mit ein paar Beispielen, wie ein kompetente Story-Chemiker aus diesen Elementen erfolgreiche Mixturen wie „Ghostbusters“ oder „Star Wars“ hergestellt haben.
Ist – wie alle „Kochrezepte“ fürs Schreiben – nicht unbedingt für jeden hilfreich, aber auf alle Fälle höchst unterhaltsam.

Druckfehlervermeidung

Aus gegebenem Anlass – bei der Kulturspirale hat sich eine Korrektorin beworben, die es geschafft hat, in einer sechszeiligen E-Mail zwei Fehler unterzubringen – ein paar grundsätzliche Sätze zu Rechtschreibkorrekturen und „händischem“ Korrektorat:

Wir empfehlen jedem Autor, der sein Buch als Self-Publisher herausbringen will, sein Manuskript durch einen Profi Korrektur lesen zu lassen. „Brauch ich nicht, ich hab doch in Word die Rechtschreibkorrektur eingeschaltet“, hören wir dann in 99,9 Prozent aller Fälle. Schön für den Self-Publisher, aber schlecht für sein Manuskript. Elektronische Rechtschreibkorrekturen übersehen zwischen 10 und 20 Prozent aller Fehler, je nach Wortwahl. Beispiel gefällig?

„Hintern Horizont geht’s weiter…“ Den sofort ins Auge springenden Fehler kann keine automatische Rechtschreibkorrektur dieser Erde finden. „Hintern“ ist ein korrekt geschriebenes Word, woher soll die Software wissen dass „Hinterm“ gemeint war? Wer sich also ausschließlich auf die Software verlässt, veröffentlicht ein fehlerhaftes Manuskript. Nicht gut.

„Gut, dann lass ich das einen Freund machen, der studiert Germanistik.“ Gegen das Einspannen von Freunden bei der Buchveröffentlichung ist überhaupt nichts zu sagen. Sofern Sie das beherrschen, was man ihnen abverlangt. Ich zum Beispiel kann überhaupt nicht Korrektur lesen. Es gelingt mir nicht, dauerhaft distanziert zu lesen und auf die Orthografie zu achten, nach spätestens einer halben Seite tauche ich meistens in den Text ein und vergesse, dass ich eigentlich korrigieren soll. Meine liebe Frau hingegen ist eine begnadete Korrektorin.

Wunderdinge, also ein tatsächlich hundertprozentig fehlerfreies Manuskript, kann man von einem Profi-Korrektorat allerdings auch nicht erwarten. Genaue Statistiken gibt es – natürlich – nicht,  aber wenn ein Korrektor von 100 Fehlern 98 findet, also eine „Fehlerquote“ von 2 Prozent hat, dann ist das m. E. ein Spitzenwert.

Wenn man als Autor vorhat, später einen Korrektor zu beauftragen, sollte man sich daher trotzdem immer um korrekte Rechtschreibung bemühen. Je weniger Fehler der Autor macht, um so mehr kann der Korrektor im Verhältnis finden. Ausgehend von der 2-Prozent-Quote: In einem Manuskript mit hundert Fehlern übersieht der Korrektor zwei, in einem mit fünfhundert Fehlern zehn. Schließlich ist es grob unkollegial, einem Korrektor ein Manuskript mit zehn, zwanzig Fehlern pro Seite zu übergeben. Man darf sich nicht wundern, wenn er eine Korrektur ablehnt oder einen deutlich höheren Preis für seine Arbeit verlangt.

Schließlich: Ein Korrektorat ist kein Lektorat. Beim Korrektorat geht es nur um Rechtschreibung und Zeichensetzung. Ein Lektorat beinhaltet wesentlich mehr: Überprüfung des Texts auf sachliche Korrektheit, stilistische Analyse, strukturelle Analyse, Vorschläge zur Textverbesserung… das ist eine viel größere Baustelle. Dazu ein andermal mehr.

Sollte jemand in diesem Text Rechtschreibfehler finden… Ich hab ja oben geschrieben, dass ich nicht Korrekturlesen kann.

 

KSC 2000

Man kennt das als Schreiber: Man hat sich eine Story zusammengefrickelt, von der man denkt, dass das eigentlich funktionieren müsste. Aber das Wort „eigentlich“ benutzt in so einem Zusammenhang nur der Zweifelnde. „Funktioniert eigentlich“ heißt auf deutsch: „Irgendwas stimmt vielleicht doch nicht, aber ich komm nicht drauf.“

Ich empfehle den „Kurbjuhn-Schnell-Check“ (KSC 2000), ein ultimatives Story-Evaluation-Tool, das folgendermaßen funktioniert: Mach eine simple Liste, was dein Protagonist im Verlauf der Handlung so alles tut. Jetzt mach eine zweite Liste und notiere die Aktionen deines Antagonisten. Wenn dein Antagonist deutlich weniger zu tun hat als dein Protagonist, dann hast du möglicherweise einen schwachen Antagonisten, der nicht alles gibt, um die Ziele des Protagonisten zu verhindern. Vielleicht hast du auch einen schwachen Protagonisten, der dem Antagonisten zu wenig abverlangt? Wie dem auch sei, wenn dein Antagonist zu wenig zu tun hat, hast du ein Story-Problem. Du musst mit deiner Geschichte zurück ins Konstruktionsbüro.

In guten Geschichten sind Protagonist und Antagonist einander ebenbürtig, oder es gelingt dem Protagonisten, sich an einem übermächtigen Antagonisten zu steigern und ihm alles abzuverlangen. Arbeitslose Antagonisten sind langweilig, wie die Geschichten, in denen sie vorkommen.

Das darfst du, wenn du Schätzing bist…

Letzte Woche ist der neue Frank Schätzing rausgekommen, „Breaking News“, stramme 976 Seiten, fühlt sich an wie ein Brikett, wenn man’s in der Hand hält. Und ist gleich an die Spitze der Bestseller-Liste geschossen. Weil’s der neue Schätzing ist, weil Schätzing spätestens seit dem Schwarm eine Marke ist, und weil „richtig dickes Buch“ zu dieser Marke gehört. Ein unbekannter Autor, der das gleiche Manuskript bei Schätzings Verlag eingereicht hätte, wäre aller Wahrscheinlichkeit nach abgelehnt worden.

Nein, das wird jetzt kein Post über „bornierte Verlage“, „arrogante Lektoren“ oder „nur große Namen“ sondern ein kurzer Blick auf die Realitäten des Buchgeschäfts. Klassische Publikumsverlage gehen davon aus, dass sie, wenn sie einen neuen Autor „bringen“, frühestens mit seinem vierten oder fünften Buch Geld verdienen werden. Es ist eine simple Erfahrungstatsache, dass ein Autor so lange braucht, um sich „durchzusetzen“, wie es so schön heißt, also um sich einen Namen bei Lesern, Kritikern, Buchhändlern und Buchhandelsvertretern zu machen. Also gehen die Verlage davon aus, dass die ersten Bücher dieses Autors mal gerade die Kosten einspielen werden, vielleicht sogar ein wenig Verlust machen werden. Und deshalb versuchen sie, die Kosten für diese ersten Bücher möglichst niedrig zu halten.

Und was ist wohl entscheidend preiswerter: ein Buch mit tausend Seiten oder ein Buch mit zweihundert Seiten? Dolle Frage, natürlich der Zweihundert-Seiter. Das fängt schon vor der Veröffentlichung an, logisch, dass der Lektor mindestens fünfmal so lange für die dicke Schwarte braucht, auch der Autor wird länger für die – immer notwendige – Überarbeitung brauchen, der Druck ist deutlich teurer und die Versandkosten wollen wir auch nicht vergessen, sind ja alles wahrscheinliche Miese für den Verlag.

Und jetzt nehmen wir mal an, zwei Autoren von ähnlicher Begabung klopfen bei einem Verlag an, einer mit einem eher schmalen Roman, der andere mit einem Schätzing-Brikett, wer hat von vornherein die besseren Chancen?

Kurz und knapp: Wer als Newcomer den Stoff für so einen Riesenroman hat und wer in der Lage ist, den Leser über so viele Seiten zu fesseln (kann auch nicht jeder), der soll den ruhig schreiben. Es ist aber ganz bestimmt eine gute Idee, sich erst Mal mit ein paar dünneren Büchern ein entsprechendes Entree in die Verlagswelt zu verschaffen.

Kate, Spence und das N-Wort

Am Sonntagabend habe ich mir auf arte ein Wiedersehen mit einem Filmklassiker gegönnt, „Rat mal, wer zum Essen kommt„, mit Katherine Hepburn, Spencer Tracy (sein letzter Film!), Sidney Poitier und anderen, Regie Stanley Kramer, eine Dramedy zum Thema Rassendiskriminierung. Die Tochter eines (scheinbar) liberalen weißen Mannes will einen Schwarzen heiraten, und dann brechen sich doch die Vorurteile  – von beiden Seiten, auch der Mann, den Sidney Poitier spielt, hat einen Vater! – Bahn, bis Tracy alles in einem immer noch bewegenden Schluss-Monolog auflöst. Weiterlesen

Something must go wrong…

Vor bald zwanzig Jahren habe ich an einem Seminar über das Comedy-Schreiben bei Danny Simon teilgenommen. In den knapp zweieinhalb Tagen des Seminars habe ich unendlich viel gelernt, vor allen Dingen aber eins: „Something must go wrong“ ist der Grundsatz aller Komik. Wenn man Menschen zum Lachen bringen will, muss etwas schief gehen. Dieser brillant geschriebene 1 und genial gespielte Szene ist ein wunderbares Beispiel dafür.

 

 

  1. Obwohl die Sequenz keinen Dialog enthält, hat der Autor sie genial orchestriert: diese kontinuierliche Steigerung von Katastrophen muss man erst mal hinbekommen