Die Sau namens Amazon

Was sich Amazon da mal wieder erlaubt, das ist ja unfassbar! Skandalös! Verbrecherisch! Erst weigern sie sich, die E-Books der Bonnier-Verlage mit 30 Prozent Marge zu verkaufen (Amazon will 40 bis 50 Prozent), und dann, als die Bonniers nicht klein beigeben, verkaufen sie die Print-Bücher aus der Bonnier-Backlist plötzlich nur noch mit langen Lieferzeiten. Das geht doch nicht! Jetzt ist das Maß voll, der Gesetzgeber muss einschreiten und Jeff Bezos‘ Kulturterrorismus ein Ende bereiten.

Wie immer, wenn die Buchbranche eine neue Sau aus dem Amazon-Stall durchs Dorf treibt, ist die ganze Angelegenheit maßlos übertrieben. Es handelt sich um einen simplen Konditionen-Streit, Amazon will einen größeren Rabatt haben als Bonnier gewähren will, das ist marktwirtschaftlicher Alltag, und bleibt das auch, selbst wenn die Streithähne sich härtere Bandagen um die Fäuste wickeln. 1

Amazon hat sich bisher zu der Sache nicht geäußert, also haben wir für die behauptete Erpressung durch die zu langen Lieferzeiten auch keine Bestätigung. Ich halte das für höchst unwahrscheinlich:  Amazon hat sich mittlerweile geäußert und den Konditionenstreit bestätigt, von „Erpressung“ zu sprechen, ist nach wie vor komplett übertrieben. Bücher sind keine Mitnahme-Artikel wie z.B. Kaugummis. Wenn da die eine Sorte an der Supermarktkasse ausgegangen ist, greife ich vielleicht zu einer anderen, aber wenn ich ein bestimmtes Buch lesen möchte, dann entscheide ich mich doch nicht für ein anderes, nur wenn ich ein paar Tage auf die Lieferung warten muss. Oder ist das Bonnier-Programm so beliebig und austauschbar, dass der Kunde sofort ohne Be- und Nachdenken zu einem anderen Buch aus dem Amazon-Sortiment greifen will? Kann ich gar nicht glauben.

Außerdem würde Amazon sich doch ins eigene Fleisch schneiden, wenn man Bücher irgendeines Verlages nicht oder verzögert liefert: Amazon und die Verlagswelt sind sich im Bestreben, möglichst schnell möglichst viele Bücher zu verkaufen, durchaus einig. Die Verlage und Buchhändler möchten es nur nicht hinnehmen, dass Amazon die Regeln der Branche geändert hat und ständig weiter ändert.

Liebe Verlage, ihr hättet es doch in der Hand: Es sind EURE Bücher. Hört einfach auf, sie Amazon zu geben. Zieht ein eigenes Buchportal hoch, auf dem ihr euer Gedrucktes und eure E-Books vertickt, dann seid ihr alle Probleme los. Ach, das wollt ihr nicht? Ihr wollt euer Zeugs unbedingt über amazon verticken? Weil die soviel davon verkaufen? Ach sooooo…

Ja, klar. In der Monopolisten-Ecke war’s schön und kuschelig. Als die Leute, die was zu lesen haben wollten, keine andere Möglichkeit hatten, als bei einem Buchhändler vorstellig zu werden und die jahrhundertealten Vertriebskanäle zu benutzen. Man musste nicht freundlich zum Kunden sein, man konnte ihm verbieten, mal vorab ins Buch reinzulesen, man konnte sich weigern, es zurückzunehmen usw.

Aber diese Zeit kommt nicht wieder, und der Online-Handel bringt auch das Buch als Kulturgut nicht in Gefahr, selbst wenn ihr hundertmal das Gegenteil behauptet. Ein Buch wird nicht erst dann zum Kulturgut, wenn ein Buchhändler es anfasst, dies nur zur Erinnerung.

Solange Verlage und Buchhändler jede, aber auch wirklich jede neue Sau durchs Dorf zu jagen, solange nur „Amazon“ drauf steht, solange merken sie nicht, dass es Amazon ist, das die Buchbranche vor sich herjagt. Amazon hat den Online-Versandhandel verändert und geprägt: Dort ist man freundlich zu den Kunden, bieten ihnen die Möglichkeit, Bücher (und andere Produkte) zu empfehlen und darüber zu diskutieren, man ist außergewöhnlich kulant, wenn ein Kunde mal unzufrieden ist und schließlich: es war Amazon, das die Bedeutung der Digitalisierung erkannt hat, als deutsche Verlage und Buchhändler E-Books noch als neumodischen Quatsch abgetan haben, der sich frühestens in zwanzig Jahren durchsetzt.

Kurz und knapp: Liebe Verleger und Buchhändler, hört auf, euch an Bezos abzuarbeiten. Fangt lieber an, euch endlich um eure Kunden, die Leser zu bemühen. Die habt ihr jahrzehntelang als notwendiges Übel behandelt, und der Erfolg von Amazon beruht nicht zuletzt darauf, dass sie das geändert haben.

Nachtrag 28.5.:
Amazon hat sich jetzt zu der Sache geäußert. Hier steht das Statement. In die Autor Joe Konrath kommentiert’s und hat noch ein paar interessante Links.

  1. Zur Erinnerung: Es ist noch gar nicht solange her, da rief die Verlagsbranche „the end of the world as we know it“ aus, weil die Buch-Großhändler ihre Margen erhöht haben…

2 Gedanken zu „Die Sau namens Amazon

  1. Man mag von Amazons Umgang mit Zulieferern und Mitarbeiter halten was man mag. Aber es ist einfach nicht zu leugnen, daß sie für ihre Kunden einen exzellenten Service bieten. Genau deswegen ist Amazon so erfolgreich. Weil es einfach nur funktioniert.

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