Algorithmische Prüderie

Sushi„Fuckin Sushi“ ist ein ganz, ganz wunderbarer „Coming of Age“-Roman von Marc Degens. Degens schildert mit großer Kenntnis der Materie und staubtrockenem Humor die meteorhafte Karriere einer Thrash-Metal-Punk-Band, deren Name mit dem Buchtitel identisch ist. Ich hab mich beim Lesen amüsiert wie schon lange nicht mehr, und dementsprechend positiv fiel die Besprechung aus, die ich für „Männer unter sich“ geschrieben hab.

Kaum hatte ich da auf „veröffentlichen“ geklickt, dachte ich: „Mensch, den Text kannst du doch auch als amazon-Rezension einstellen.“ Um urheberrechtlichen Problemen aus dem Weg zu gehen, holte ich beim Autor und beim zuständigen Redakteur (beides ich) die Erlaubnis ein, und copypastete den Text bei amazon ins entsprechende Formular.

So etwa anderthalb Stunden später bekam ich dann eine Mail von no-reply@amazon.de. Man habe meine Besprechung von „Fuckin Sushi“ nicht veröffentlichen können, weil sie nicht den amazon-Richtlinien entspräche, schrieb mir der freundliche Roboter und fuhr fort:

Wir empfehlen Ihnen, Ihre Rezension zu überarbeiten und erneut einzusenden. Hier sind einige allgemeine Punkte, die beachtet werden sollen:
Ihre Rezension sollte sich auf die spezifischen Eigenschaften des Produkts und Ihre Erfahrungen mit dem Produkt konzentrieren. Feedback zum Verkäufer oder über Ihre Liefererfahrung sollte beiwww.amazon.de/feedback hinterlassen werden.

  • Vulgäre oder obszöne Inhalte sind unzulässig. Dies gilt auch für nicht jugendfreie Produkte.

  • Anzeigen, Werbematerial oder übermäßig wiederholte Beiträge zum selben Thema gelten als Spam.

  • Bitte erwähnen Sie in Ihrer Rezension keine URLs, die nicht von Amazon stammen oder Inhalte, die Sie persönlich identifizieren.

Das ließ mich dann doch einigermaßen ratlos zurück. Beim besten Willen konnte ich keine Richtlinie entdecken, gegen die meine vollkommen harmlose, überschwänglich positive Kritik des Buchs verst0ßen haben könnte. Außer… Neee… das kann nicht sein… so doof ist amazon nicht… so doof ist deren Algorithmus nicht…. das wäre ja dermaßen lächerlich….

Doch. Tatsächlich war und ist es dermaßen lächerlich. Ich machte in meiner Rezension aus jedem „Fuckin Sushi“ ein „F… Sushi“ und versuchte es erneut. Eine knappe Stunde später stand der Text bei amazon online und da steht er immer noch. Den anderen Rezensenten ist es anscheinend ähnlich ergangen. Kein einziger von uns durfte den Titel des Buchs nennen, das er gerade besprach. Weil der amazonische Bad-Word-Algorithmus zu doof und zu prüde ist.

Welches Buch?

Ich weiß nicht, wie das bei Ihnen ist, aber ich LIEBE amazon-Rezensionen. Insbesondere die von Leuten, die das Buch, das sie da rezensieren, gar nicht gelesen sondern nur die Buchstaben auf den vielen Seiten betrachtet haben, ohne einen Sinnzusammenhang herzustellen.

Ab heute gibt’s – in unregelmäßiger Folge – hier kleine Ratespiele. Ich zitiere eine solche amazon-Rezension und Sie erraten, welches Buch da wohl besprochen wurde. Fangen wir mit einer harten, aber knackbaren Nuss an:

Meine Freundin und ich mussten das Buch in diesem Sommer für den Englischunterricht lesen. Wir haben das Buch leidenschaftlich gehasst. Wen interessieren Senetoren von vor langer Zeit? Uns – zwei Teenager – sicherlich nicht. Dieses Buch war das schlechteste, was wir je gelesen haben. Wir empfehlen es niemandem, noch nicht einmal einem Senetor, der sich dafür interessiert.

Naaa? Klingt abschreckend, nicht wahr? Ich geb noch einen kleinen Hinweis, damit’s nicht gar zu schwierig ist: Der Autor dieses schrecklichen Machwerks hat dafür den Pulitzer-Preis bekommen.

Wer als erster in den Kommentaren den Titel des Buchs richtig nennt (deutsch oder englisch), gewinnt ein Exemplar von „Zeit der Schweine“ von Pavol Lesný. Mitarbeiter unseres Verlagsservices dürfen nicht mitmachen, der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Für diejenigen, die den Text googlen wollen: tough luck! Ich habe ihn aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt (inkl. Schreibfehler).

Der Kunde hat Bittsteller zu sein und zu bleiben…

Beim Börsenverein hauen sie sich mal wieder auf die Schultern: Krachenden Sieg über amazon errungen, noch dazu vor Gericht, haben wir’s den Fatzkes gezeigt, wer Herr im deutschen Bücherhaus ist. Buchpreisbindung unterlaufen? Nicht mit uns! Sogar Spiegel Online berichtet drüber!

Was hat amazon gemacht? Willkürlich eine Wagenladung neuer Folletts runtergepreist und für zwofuffzich über den virtuellen Grabbeltisch geschoben? Die Preise für alle Bücher von Verlagen angehoben, die ihre E-Books nicht nach Bezos‘ Vorstellungen bepreisen?

Nein, beim Buchreport schildern sie den Vorfall arglos und offen:

Hintergrund: Der Börsenverein hatte Klage gegen den Online-Händler eingereicht, weil Amazon einen Nachlass auf ein preisgebundenes Buch gewährt hatte. Der Käufer wollte den betreffenden Titel ursprünglich gebraucht auf dem Amazon Marketplace erwerben, weil aber die Verkäuferin nicht bereit gewesen sei, für das Buch eine Rechnung auszustellen, habe der Kundenservice ein verlagsneues Buch zum Preis des gebrauchten Buches verkauft, rekapituliert der Verband. Amazon habe argumentiert, es habe sich um einen Ausnahmefall gehandelt, die betroffene Mitarbeiterin im Kundenservice sei zum Abschluss von Verträgen gar nicht bevollmächtigt gewesen, zudem sei der Sachverhalt verjährt.

In jedem Seminar zum Thema Kundenzufriedenheit wäre der amazon-Service als absolut vorbildlich gelobt worden: Man nimmt sich eines Problems an, das man gar nicht selbst verschuldet hat, und löst es auf eine für den Kunden zufriedenstellende Weise. Der Börsenverein sieht nur den (möglicherweise unabsichtlichen) Verstoß gegen die Buchpreisbindung und prozessiert über mehrere Instanzen, um amazon zu einer Unterlassungserklärung zu zwingen.

Die das Unternehmen vermutlich mittlerweile gern abgegeben hat. Denn hier zeigt sich exemplarisch, welches Unternehmen sich um die Zufriedenheit seiner Kunden bemüht, und wer rechthaberisch auf Formalien pocht, die die eigene Kundschaft nur schwerlich nachvollziehen kann.

Buchhändler waren hunderte Jahre lang Monopolisten, an denen kein Weg vorbeiführte, wenn man ein bestimmtes Buch kaufen wollte. In dieser langen Zeit haben sich viele (natürlich nicht alle, aber wirklich sehr viele) Buchhändler angewöhnt, die Kunden wie Bittsteller zu behandeln, die froh sein können, wenn sie das Buch bekommen, das sie haben wollen. Erstaunlicherweise ist diese Attitüde noch vielerorts anzutreffen. Der mündige Buchkäufer wird sich seinen Reim drauf machen.

Die Sau namens Amazon

Was sich Amazon da mal wieder erlaubt, das ist ja unfassbar! Skandalös! Verbrecherisch! Erst weigern sie sich, die E-Books der Bonnier-Verlage mit 30 Prozent Marge zu verkaufen (Amazon will 40 bis 50 Prozent), und dann, als die Bonniers nicht klein beigeben, verkaufen sie die Print-Bücher aus der Bonnier-Backlist plötzlich nur noch mit langen Lieferzeiten. Das geht doch nicht! Jetzt ist das Maß voll, der Gesetzgeber muss einschreiten und Jeff Bezos‘ Kulturterrorismus ein Ende bereiten.

Wie immer, wenn die Buchbranche eine neue Sau aus dem Amazon-Stall durchs Dorf treibt, ist die ganze Angelegenheit maßlos übertrieben. Es handelt sich um einen simplen Konditionen-Streit, Amazon will einen größeren Rabatt haben als Bonnier gewähren will, das ist marktwirtschaftlicher Alltag, und bleibt das auch, selbst wenn die Streithähne sich härtere Bandagen um die Fäuste wickeln. 1

Amazon hat sich bisher zu der Sache nicht geäußert, also haben wir für die behauptete Erpressung durch die zu langen Lieferzeiten auch keine Bestätigung. Ich halte das für höchst unwahrscheinlich:  Amazon hat sich mittlerweile geäußert und den Konditionenstreit bestätigt, von „Erpressung“ zu sprechen, ist nach wie vor komplett übertrieben. Bücher sind keine Mitnahme-Artikel wie z.B. Kaugummis. Wenn da die eine Sorte an der Supermarktkasse ausgegangen ist, greife ich vielleicht zu einer anderen, aber wenn ich ein bestimmtes Buch lesen möchte, dann entscheide ich mich doch nicht für ein anderes, nur wenn ich ein paar Tage auf die Lieferung warten muss. Oder ist das Bonnier-Programm so beliebig und austauschbar, dass der Kunde sofort ohne Be- und Nachdenken zu einem anderen Buch aus dem Amazon-Sortiment greifen will? Kann ich gar nicht glauben.

Außerdem würde Amazon sich doch ins eigene Fleisch schneiden, wenn man Bücher irgendeines Verlages nicht oder verzögert liefert: Amazon und die Verlagswelt sind sich im Bestreben, möglichst schnell möglichst viele Bücher zu verkaufen, durchaus einig. Die Verlage und Buchhändler möchten es nur nicht hinnehmen, dass Amazon die Regeln der Branche geändert hat und ständig weiter ändert.

Liebe Verlage, ihr hättet es doch in der Hand: Es sind EURE Bücher. Hört einfach auf, sie Amazon zu geben. Zieht ein eigenes Buchportal hoch, auf dem ihr euer Gedrucktes und eure E-Books vertickt, dann seid ihr alle Probleme los. Ach, das wollt ihr nicht? Ihr wollt euer Zeugs unbedingt über amazon verticken? Weil die soviel davon verkaufen? Ach sooooo…

Ja, klar. In der Monopolisten-Ecke war’s schön und kuschelig. Als die Leute, die was zu lesen haben wollten, keine andere Möglichkeit hatten, als bei einem Buchhändler vorstellig zu werden und die jahrhundertealten Vertriebskanäle zu benutzen. Man musste nicht freundlich zum Kunden sein, man konnte ihm verbieten, mal vorab ins Buch reinzulesen, man konnte sich weigern, es zurückzunehmen usw.

Aber diese Zeit kommt nicht wieder, und der Online-Handel bringt auch das Buch als Kulturgut nicht in Gefahr, selbst wenn ihr hundertmal das Gegenteil behauptet. Ein Buch wird nicht erst dann zum Kulturgut, wenn ein Buchhändler es anfasst, dies nur zur Erinnerung.

Solange Verlage und Buchhändler jede, aber auch wirklich jede neue Sau durchs Dorf zu jagen, solange nur „Amazon“ drauf steht, solange merken sie nicht, dass es Amazon ist, das die Buchbranche vor sich herjagt. Amazon hat den Online-Versandhandel verändert und geprägt: Dort ist man freundlich zu den Kunden, bieten ihnen die Möglichkeit, Bücher (und andere Produkte) zu empfehlen und darüber zu diskutieren, man ist außergewöhnlich kulant, wenn ein Kunde mal unzufrieden ist und schließlich: es war Amazon, das die Bedeutung der Digitalisierung erkannt hat, als deutsche Verlage und Buchhändler E-Books noch als neumodischen Quatsch abgetan haben, der sich frühestens in zwanzig Jahren durchsetzt.

Kurz und knapp: Liebe Verleger und Buchhändler, hört auf, euch an Bezos abzuarbeiten. Fangt lieber an, euch endlich um eure Kunden, die Leser zu bemühen. Die habt ihr jahrzehntelang als notwendiges Übel behandelt, und der Erfolg von Amazon beruht nicht zuletzt darauf, dass sie das geändert haben.

Nachtrag 28.5.:
Amazon hat sich jetzt zu der Sache geäußert. Hier steht das Statement. In die Autor Joe Konrath kommentiert’s und hat noch ein paar interessante Links.

  1. Zur Erinnerung: Es ist noch gar nicht solange her, da rief die Verlagsbranche „the end of the world as we know it“ aus, weil die Buch-Großhändler ihre Margen erhöht haben…

Weil sie es nicht müssen

Letzte Woche geisterte eine Studie über Produktdarstellung der Verlage im digitalen Handel durch die Buchbranche. Diese Studie kommt zu dem Ergebnis, dass einige bis viele Verlage sich ziemlich wenig Mühe bei der Online-Präsentation ihrer Bücher geben. Bei amazon, bei buchhandel.de, ja sogar auf der eigenen Webseite werden massenweise Chancen ausgelassen, die eigenen Produkte dem potenziellen Leser möglichst vorteilhaft zu präsentieren. Viele Verlage verhalten sich so, als wären Sie am kommerziellen Erfolg eines Großteils ihrer Bücher nicht interessiert.

Was sie (derzeit noch) tatsächlich nicht sind. Viele Verlage bringen jede Menge Bücher raus, deren kommerzieller Erfolg ihnen letztlich vollkommen mumpe ist. Sie freuen sich, wenn eins dieser Bücher sich gut verkauft, aber wenn es das nicht tut, ist es auch kein Beinbruch. Weil es die unwichtigen Bücher sind. Und viele Verlage legen ausschließlich Wert auf die wichtigen Bücher, die, die von den Stars geschrieben wurden, die schon einen oder mehr Bestseller geschrieben haben. Das sind die „wichtigen“ Lokomotiven, die vor den Verlagszug gespannt werden, um die „unwichtigen“ Bücher mitzuziehen.

Warum sollten sich also Verlage, die so denken und kalkulieren, also großartig Mühe mit den Online-Beschreibungen von Büchern geben, deren Erfolg oder Misserfolg ihnen relativ egal ist? Sie müssen sich ja tatsächlich nur um die Bücher kümmern, in die sie entsprechende Umsatzerwartungen gesetzt haben. Insofern hat das Ergebnis der Studie nur Menschen überrascht, die dieses branchenübliche Denken nicht kennen.

Viele Autoren denken, dass sie es geschafft haben, wenn sie einen Verlagsvertrag unterschrieben haben. Das ist leider meistens nicht der Fall. Mit dem Unterschreiben eines Verlagsvertrags fängt die Ochsentour überhaupt erst an.

 

 

Das Ende der Gatekeeper

Autoren, die sich erfolglos um einen Verlagsvertrag bemüht haben, fluchen gern über die Arroganz der Gatekeeper. Also der Verleger, Geschäftsführer, Lektoren… all der Menschen, die in der Verlagsbranche die Entscheidungsgewalt darüber haben, wessen Buch veröffentlicht wird und wessen nicht, und die damit tatsächlich die Funktion eines Torwächters oder Türstehers innehaben: du darfst rein und du nicht.

Den meisten dieser Autoren ist nicht klar, dass sie einen mächtigen Verbündeten haben, der tatsächlich die Vernichtung der Gatekeeper als Geschäftsziel hat. Die Rede ist von – na, wer ahnt’s – amazon. Mir war das übrigens auch nicht klar, bis ich diesen absolut brillanten im New Yorker erschienenen Artikel von George Packer gelesen habe: „Cheap Words – amazon is good for customers. But is it good for books?

Pflichtlektüre für alle, die morgen noch erfolgreich veröffentlichen wollen.