Wenn es nicht so traurig wäre, es wäre zum Lachen: Wieviele Menschen in der Buchbranche ihre Kunden, die Leser, nicht kennen. Mit Kopfschütteln nehme ich zur Kenntnis, das gerade mit recht großem Tamtam das der „Tolino Vision“ auf den Markt geworfen wird. Zur Erinnerung bzw. zur Info für Kindle-Besitzer: Der Tolino Vision ist das Nachfolgemodell des Tolino Shine, der vor knapp einem Jahr auf den Markt kam. Mit diesen E-Book-Readern (Tablets gibt’s auch) versucht die sogenannte Tolino-Allianz (Hugendubel, Thalia, Telekom, Bertelsmann, Weltbild) mit kräftiger Unterstützung des Börsenvereins, gegen die Marktmacht von amazon im E-Book-Bereich anzustänkern.
Und das versuchen Sie ernsthaft mit einem neuen Modell, obwohl ihr „altes“ (ein Jahr ist für einen E-Book-Reader nicht alt) sehr, sehr gut ist und dem Kindle Paperwhite im Prinzip nicht nachsteht? Das ist ein sicheres Indiz dafür, dass diese Allianz und die sie unterstützenden Verlage noch immer nicht kapiert haben, um was es bei E-Books geht. Es eght eben NICHT um eine neue Art des Lesens, es ist keine neue Geek-Generation nachgewachsen, die monatlich Testzeitschriften kauft, um auf dem laufenden zu bleiben, welches Gadget jetzt die neuesten Schnickschnacks hat…
Leute, es geht überhaupt nicht um die Reader. Hier im Büro unseres schnuckligen Verlagsservice fliegt ein Haufen Reader und Tablets rum, teilweise richtig neuer Hot Shit, weil wir das zum Testen der Layouts für unsere Kunden brauchen. Und was nehm ich nach Feierabend und unterwegs zum Lesen?
Meinen drei Jahre alten Sony PRS 350. Der hat keine Display-Beleuchtung (ich hab ’n Extra-Lämpchen), kein E-Ink-Carta, noch nicht mal WiFi, ich muss den umständlich über USB befüllen, das macht aber nix. Er ist robust, er blättert schnell, es liest sich angenehm. Und sollte ich ihn unterwegs verdaddeln oder er mir geklaut werden, ist es nicht schlimm, es geht ja kein aktuelles High-Tech über die Wupper, sondern Technik von vorgestern, die beinahe gar nix mehr wert ist. Ich bin – wie die Mehrzahl der Kunden der Tolino-Allianz, der Kunden von amazon, der Kunden von Apple – nicht an E-Reader-Technik interessiert, sondern an Büchern. Ich benutze – wie die Mehrzahl der Kunden der Tolino-Allianz, der Kunden von amazon, der Kunden von Apple – den Reader nicht zum Spielen, sondern zum Lesen von Büchern, die ich mir gekauft habe, weil sie mich interessieren.
Ist das wirklich auch nach einigen Jahren so schwer zu begreifen? Es geht nicht um die Technik, es geht um die Bücher, liebe Tolino-Allianz, euer Kerngeschäft, mit dem ihr euch auskennen solltet! amazon hat sich nicht deshalb zum zwei Meter großen Gorilla der E-Book-Branche aufgeschwungen, weil die Kindle so eine tolle Technik haben, sondern weil man bei amazon einfach, unkompliziert und preiswert an elektrische Bücher kommt.
Ihr wollt amazon weh tun? Prima, von mir aus. Aber mit einem neuen High-Tech-Reader, der deutlich über 100 Öcken kostet, wird euch das nicht gelingen. Da bleibe ich – wie die Mehrzahl der Kunden der Tolino-Allianz, der Kunden von amazon, der Kunden von Apple – bei meinem alten Reader und kauf mir für das Geld lieber einen Stapel E-Books.
Womit wir beim Preis eurer vollkommen überteuerten E-Books wären, liebe Tolino-Allianz. Aber das ist eine andere Geschichte. Und die soll ein andermal belacht und beweint werden.
