Angststarre

Sollte sich noch irgendjemand Illusionen über den Beruf des Drehbuchautors machen, empfehle ich dringend diesen Artikel von Dominik Graf. Da stimmt wirklich jedes Wort. Grafs Schlussfolgerung allerdings, hierzulande müsse jetzt die große Solidarität zwischen Autoren und Regisseuren ausbrechen, halte ich für arg blauäugig. Aber es geschehen ja gelegentlich Wunder. Nicht nur im Film.

Spannend

Amerikanische und deutsche TV-Macher haben ganz unterschiedliche Philosophien, was den Stellenwert des Drehbuchautors angeht. In den USA ist der Autor der höchst geschätzte kreative Mastermind, der für den Erfolg oder Misserfolg einer Serien-Folge bzw. der ganzen Serie trägt. In deutschen Redaktionen und Produktionen gilt der Autor meistens als leicht tumber, Idiotie-naher Facharbeiter,  der dringend der Führung von Redakteuren bedarf, die letzteigentlich den Erfolg einer Serie herbeiführen.

Wäre es in den USA beispielsweise möglich gewesen, dass die für „Mad Men“, eine meiner Lieblingsserien, , Verantwortlichen Writer-Producer Matthew Weiner gefeuert hätten, um mit einem anderen Showrunner weiterzumachen? Ich glaube kaum. Keiner kennt die Figuren einer Serie so gut wie der Autor, der sie entwickelt hat. Der Autor, der die Folgen geschrieben hat (bzw. an ihnen mitgeschrieben hat), die den Zuschauer in den Sog der Handlung ziehen, weiß um die Strukturen, die die Episoden am Laufen halten, weiß, was die Leute wiedersehen wollen, eben wie man ein Serienpublikum bzw. das Publikum dieser Serie bei der Stange hält. Nein, solange Quote und Verkaufszahlen bei den DVDs und Streams stimmen, solange hat Weiner seinen Job sicher.

In Deutschland ist das komplett anders, wie man gestern Abend nach der ersten Folge der neuen Staffel von „Mord mit Aussicht“ im Abstand sehen konnte. Marie Reiners, die die Serie entwickelt und die Drehbücher der ersten beiden Staffeln geschrieben hat, ist nur noch als Ideengeberin genannt, die neuen Drehbücher hat ein anderer Kollege geschrieben (hab vergessen, mir den Namen zu notieren und konnte ihn auf der Homepage der Serie nicht finden, irgendwie bezeichnend.

Aber schon vor dem Abspann merkte der Fan, dass einiges anders war. Waren die Folgen der ersten beiden Staffeln noch klassische „Fish Out Of Water“-Geschichten, mit einem skurrilen, trotzdem nah an der Realität konstruierten Personal, folgt die Serie jetzt der (nur) in deutschen Redaktionen sehr beliebten Maxime, dass Komik entsteht, wenn sich die Figuren möglichst albern aufführen. Nachvollziehbare Motive? Fehlanzeige? Logik? Nur mit Mühe schlecht erkennbar. Komik? Nun ja, wenn man nicht an die früheren Folgen dachte, konnte man sich ein, zwei Mal zu einem gequälten Schmunzeln zwingen. Fast alles, was den Charme und die Komik der ersten beiden Staffeln ausgemacht hat, war nicht mehr vorhanden.

Ich stehe mit meiner Einschätzung nicht alleine da. Petra Weber hat im Krimikiosk ausführlich geurteilt,  und auch Hans Hoff war in der Süddeutschen deutlich unterwältigt.

Spannend – um nun endlich auf den Titel dieses Posts zu kommen – wird nun, wie die Zuschauer auf das „neue Hengasch“ reagieren. Werden sie der Serie die Treue halten, oder sich, wie die Kritiker, mit Schaudern abwenden? Wie auch immer, es dürfte eh die letzte Staffel der Serie werden. Bjarne Maedel hat schon angekündigt, für neue Folgen nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Man kann ihn verstehen. Aber vielleicht kommt in irgendeiner Redaktionsstube ja jemand auf die Idee, Dietmar Schaeffer zukünftig, sagen wir, von Oliver Pocher spielen zu lassen. Dann ginge das Elend doch weiter. Mann, Mann, Mann.